..oder: Rente oder “Volkssturm”? – Vergänglichkeit ist ein Gesetz des Universums
Hidiho liebe Community. Dieser Blogbeitrag wird wahrscheinlich nicht bei google in den Top Rankings erscheinen – es ist auch nicht beabsichtigt, denn er ist diesmal rein persönlicher Natur. Er enthält keine Review zu geiler Hardware, Tips zu Windows, neuen Apps, oder anderem technischen Schnickschnack, ist nicht stundenlang auf perfektes SEO getrimmt. Er ist einfach meine gesammelten Gedanken zur aktuellen Situation der Welt – aus meinem eigenen, ganz persönlichem Blickwinkel. Für alle, die das nicht interessiert – was ich verstehen könnte – ich bin niemandem böse deswegen, wenn er weiter zappt. Für alle anderen – die Reise in meine aktuell ziemlich nachdenkliche und besorgte Psyche beginnt genau jetzt:
(Bild links: ein Foto, das nachdenklich macht – Nein, ich meine nicht, dass mein leiblicher Großvater (in der Mitte des Bildes) ein richtig hübscher Kerl war, von dem ich mein Aussehen geerbt habe, sondern dass ich niemanden auf diesen Familienfotos kenne. Bestürzender sind aber die Inhalte der Feldpostbriefe meines leiblichen Großvaters, der im Krieg in Russland fiel.)
Als ich letztes Jahr meiner Wohnung ein neues Outfit verpasste, blieb es nicht aus, dass ich in Ecken rumstöberte, die ich bisher nicht näher in Augenschein genommen hatte. Die Wohnung, in der ich nun seit 1997 als glücklicher Single wohne, habe ich von meinen verstorbenen Großeltern bekommen. Ebenso lebte ich lange Jahre meiner Jugend hier – die familiären Gründe dafür hier zu erwähnen, tun nichts zur Sache..
Irgendwann war es an der Zeit den letzten Schrank zu entsorgen. Hinter einem Stapel altertümlicher Teller der Seltman Weiden Manufaktur, die ich bisher aufgrund des verspielten blauen Designs nie angefasst hatte, stieß ich auf eine verstaubte braune, schmucklose Pappschachtel. Ich war nicht sicher, wofür Sie früher benutzt wurde, oder was seinerzeit darin aufbewahrt wurde – von meiner Großmutter wurde sie jedenfalls scheinbar umfunktioniert um dort drin etwas zu verwahren.
Was ich nicht wusste – es waren ihre persönliche Erinnerungen aus Ihrer Jugend..
Ich wurde neugierig – wenn ich ehrlich bin, hat mich weder der Stammbaum unserer Familie noch die nächsten Verwandten jemals interessiert. Selbst meinen leiblichen Vater habe ich niemals kennen gelernt. Ein paar Jahre durfte ich einen Stiefvater mein eigen nennen – doch da ich während der Zeit bei Pflegeeltern wohnte, ist auch diese persönliche Bindung eher im Familienbuch als in Persona vorhanden. Klar war ich als Kind mit bei meinen Onkeln und Tanten mal mit zu Besuch, aber es gab dort niemanden in meinem Alter, mit dem man hätte spielen können. Besuch bedeutete also meistens still sitzen um nicht zu stören, wenn sich die andren über Dinge unterhielten, die ich nicht verstand. Die Erinnerungen und damit auch der Wunsch zu näherer wiederauflebender Bekanntschaft war also kaum präsent.
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Beim öffnen des Deckels offenbarten sich die Erinnerungen und auch die Schicksalsschläge, die meine Großmutter erlitten hatte.
Fotos von Familienmitgliedern aus der Jahrhundertwende und den dreißiger und vierziger Jahren. Zum Teil Fotos von Paaren, die stocksteif vor der Kamera standen – wie damals üblich mit steinerner Miene. Die Männer in Anzug und mit steifen Hemdkragen – der obligatorische Schnäuzer gehörte bei den Männern genauso dazu, wie die Bodenlangen Kleider der Frauen und die hochgesteckte Frisur. Es gab aber auch Gruppenfotos späterer Jahre – damit meine ich vor den Kriegsjahren, als junge Männer und Frauen lachend zu einem Gruppenfoto zusammen standen.
Die Erinnerungen hätten Good Vibes auslösen können, wenn nicht eine Vielzahl von Feldpost-Briefen ebenfalls im Kästchen gewesen wären..
Sie stammten von meinem leiblichen Großvater – der Mann, in den meine Großmutter wirklich verliebt war. Den Mann, den meine Großmutter nach dem Krieg heiratete, war nicht ihre große Liebe – aber wie kann man auch jemand neues lieben, wenn die alte Liebe nicht erloschen ist? Der Tod eines geliebten Menschen durch Krieg ist etwas so überflüssiges und beendet nicht nur das Leben des im Kampf gefallenen Menschen sondern es zerstört mitunter auch das Leben des Hinterbliebenen Partners. Das wurde mir klar, als ich die Briefe las..
Es zeigte auch, wie schnell das Leben vorbei sein kann, denn zwischen dem ersten und letztem Brief lagen grade mal 3 kurze Monate. Die Feldpostbriefe waren aus dünnstem, fleddrigem Papier. Beschrieben mit Bleistift mit dem mein Großvater seine Gedanken und Hoffnungen an meine Großmutter sandte.
Die Briefe begannen in der Nähe von Köln, wo er damals stationiert war. Schon zu der Zeit – der Krieg in Deutschland war schon verloren, denn die Städte im Ruhrgebiet wurden bombardiert – enthielten die Briefe trotz der Furcht, die man zwischen den Zeilen lesen konnte (einer seiner Kameraden, der zu der Zeit dort in einem Lazarett lag, kam bei dem Luftangriff auf Köln ums Leben) nur Liebe an seine Tochter und seine Frau. Es gab nicht einmal ein böses Wort gegen den “Feind”.
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Schon kurz darauf wurde er von Köln nach Russland verlegt – die Briefe aus dem strengen Winter dort zeugen von den Entbehrungen, doch auch hier war der beherrschende Gedanke die Rückkehr zu Frau und Kind.
Einige Wochen später starb er an der Front.
Warum ich das schreibe?
Die Bilder in der Ukraine sind schlimm – ich schaue solche Berichterstattungen schon nicht mehr. Ich habe dabei ein schlechtes Gefühl – ich komme mir fast vor wie ein Gaffer, der sensationslüstern im Schritttempo an einen Unfall auf der Autobahn vorbeifährt um vielleicht einen Blick auf einen Verletzten werfen zu können. Dazu die dümmlichen Fragen der Kommentatoren aus ihren sicheren und beheizten Fernsehstudios, an die im Krisengebiet “Live zugeschalteten” ukrainischen Bewohner oder Angestellte deutscher Hilfsorganisationen. Ist es wirklich nötig zu fragen: “was empfinden Sie dabei?” und der wiederholte Versuch aus diesen Menschen, die aus Überzeugung etwas gutes und Richtiges zu tun, dort geblieben sind, Gefühle vor der Kamera herauszupressen.
Mein Tipp an die Kommentatoren: Wenn Ihr die Gefühle von Menschen in beschossenen und zerbombten Häusern gerne an die Fernsehzuschauer vermitteln wollt, damit die so was wie ein kribbeln in den Adern verspüren: fahrt mal für eine Woche in ein umkämpftes Gebiet, lebt in einem Keller unter einem zerstörtem Haus, verrichtet euer Geschäft in einer Ecke draußen auf der Straße, weil es kein fließendes Wasser mehr gibt und immer mit der Angst, dass ein Heckenschütze dir den Hintern wegballert, futtert kaltes Essen aus Konservendosen, denn Strom und Gas zum erhitzen gibt es auch nicht mehr, schlaft in euren Klamotten auf einer Matratze auf dem Boden, weil die Heizung auch zerstört ist – dabei immer die Angst im Hinterkopf, dass die nächste Rakete dich töten könnte. Dann werdet Ihr solche bescheuerten Fragen nicht mehr stellen.
Doch es gibt noch mehr. Schaut man sich die Bilder an, dann könnte man meinen diese Kriegsbilder könnten auch irgendwo in Deutschland aufgenommen worden sein. Westliche Architektur, moderne Autos, Verkehrsschilder die man auch hier gebraucht – das vermittelt die Nähe des Konfliktes. Es ist nicht irgendwo in der Ukraine – einem Land, von dem ich bisher nicht viel wusste, außer dass die Klitschko Brüder von dort stammen und die frühere Regierung korrupt bis ins Mark war. Es ist näher gerückt, ganz nah. Denn man befasst sich nun intensiver mit dem Land – auch wenn es nie auf meiner Liste der Länder in denen ich mal Urlaub machen möchte, war. Flächenmäßig ist es so groß wie Deutschland und Polen zusammen. Es ist also kein Zwergen Staat.
Mein Freund Torsten, der vor etwas über 10 Jahren in Ungarn seinen Doktor der Bauphysik an der Uni in Pecs gemacht hat und dort seine Frau kennen gelernt hat und geheiratet hat, hat die ungarische Staatsangehörigkeit. Ungarn und die Ukraine verbindet eine gemeinsame Grenze – und er kann in Ungarn noch zum Wehrdienst einberufen werden. Sollten die Dinge eskalieren – dieser Umstand kann schnell passieren – solche Gedanken hat er natürlich auch im Kopf…
Die Lage des Planeten ist verworren wie nie und wir müssen verdammt aufpassen, dass wir uns nicht auch in diese Spirale der Gewalt hineinziehen lassen, denn es ist nicht nur Russland, der als Aggressor auftritt. Im Hintergrund lauert auch schon China und mit Indien sind ebenfalls zwei weitere der Bevölkerungsreichsten und mit Atomwaffen ausgestattete Länder in Lauerstellung. Die wollen die Gunst der Stunde nutzen und geopolitischen Einfluss gewinnen. Dass China schon seit Jahren immens aufrüstet ist bekannt – doch welchen echten Feind hat China? Dass China es auf Taiwan abgesehen hat ist bekannt – braucht es für diese kleine Insel wirklich eine Riesenflotte an Kriegsschiffen?
Von der Fläche her ist China ungefähr vergleichbar mit Australien oder den USA, stellt aber dazu fast 20% der gesamten Weltbevölkerung. Im Gegensatz dazu ist Russland flächenmäßig ungefähr drei mal so groß wie China – mit nur 2% der Weltbevölkerung jedoch nur extrem dünn besiedelt. Die Ukraine ist flächenmäßig im Vergleich zu Russland ein Zwerg – nur ungefähr ein zehntel so groß – hat aber mit 0,6% Anteil an der Weltbevölkerung fast ein Drittel der Einwohnerzahl von Russland. Es ist deshalb aus taktischer Sicht vermessen zu glauben, dass Putin bei diesem Ungleichgewicht die Kontrolle über die Ukraine behalten kann – selbst wenn er im Falle eines Sieges und dem installieren einer Marionettenregierung an jeder Ecke Besatzungstruppen stationiert. Dazu ist bereits zu viel Porzellan zerschlagen worden.
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In wie weit Indien mit seinen fast 20% Anteil an der Erdbevölkerung in diesen Eroberungsphantasien mitspielen will – darüber grübele ich noch. Aktuell haben aber Zwei Diktatoren die Macht über die halbe Welt. Und das ist es, was ich nicht verstehe. Jeden Tag werden Menschen wie Du und ich von denen getötet – nur weil Sie ihre Freiheit verteidigen wollen, Ihre Meinung sagen oder einfach “unbequem” sind. Doch nichts passiert. Ungehindert marschieren die in andere Länder ein, begehen Kriegsverbrechen, lassen Killerkommandos auf Kritiker los – und eröffnen unter Applaus der Massen sportliche Großveranstaltungen. Die UNO hat keine Macht, denn es gibt genug gekaufte Regierungen, die in ihrem eigenen Land Menschenrechte mit Füßen treten und nur durch Waffenlieferungen dieser beiden Länder noch an der Macht sind. Das verpflichtet. Es zeigt leider, dass die Menschheit immer noch nicht für ein friedvolles Leben miteinander bereit ist.
Dazu kotzt es mich an, dass jetzt hier alles was russisch ist, russisch spricht oder russisch aussieht angefeindet wird. Wie kann man so dumm sein und seine Aggression Putin gegenüber an unschuldigen Restaurantbetreibern oder Kellnern ausleben? Die meisten sind selber froh, dass sie hier einen Job haben um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und nicht in einer Diktatur leben müssen. Nicht der Russe ist unser Feind – es ist einzig und allein Putin!
Vielleicht das noch am Ende..
Krieg ist kein kribbelndes Videospiel – man hat keine 3 Leben und wenn man verkackt ist es nicht damit getan eine neue Münze einzuwerfen. Der Krieg in der Ukraine muss unter allen Umständen schnell beendet werden – aber nicht mit militärischen Mitteln. Gewalt erzeugt nur Gegengewalt. Die Weigerung Deutschlands auf russisches Gas zu verzichten und damit Putin weiterhin Geld zum weiterführen des Krieges in die Kassen zu spülen ist typische deutsche Doppelzüngigkeit. Ich bin bereit auch mal einen Winter oder zwei in der Bude mit 2 wärmenden Pullis übereinander durch die Wohnung zu laufen, wenn ich dafür den Krieg etwas eher beenden kann – selbst wenn es nur ein einziger Tag ist.
Außerdem habe ich keinen Bock selber mal in die Situation zu kommen Feldpostbriefe schreiben zu müssen – ich weiß nämlich nicht an wen ich welche schreiben sollte..
Wie steht es mit Dir?